Das bessere Tibet: Rundgang durch das Klosterdorf von Langmusi. Fotos: O. Zwahlen

Das bessere Tibet: Rundgang durch das Klosterdorf von Langmusi. Fotos: O. Zwahlen

Wenn mich jemand nach dem schönsten Ort Chinas befragt, pflege ich in der Regel das Bergdorf Langmusi zu nennen. In diesem Beitrag will ich dir erklären, wieso mich diese kleine Gemeinde am Rande der tibetischen Hochebene so verzaubert hat und was du dort erleben kannst.

Langmusi hat mich begeistert. Schon bei meiner ersten Chinareise vor rund 15 Jahren gefiel mir das schwer zu erreichende Dorf unglaublich gut. Zwölf Jahre später besuchte ich die Ortschaft erneut. Sie hatte sich in der Zwischenzeit gewandelt und es war absehbar, dass sie sich in nächster Zukunft noch mehr verändern wird.

Und doch war mir klar: Langmusi ist der für mich schönste Ort in China und wird es wohl auch bleiben. Denn vieles von dem, was mein Herz auf den beiden Reisen gewann, wird sich auch mit einer Modernisierung und einer stärkeren touristischen Vermarktung nicht ändern. In diesem Artikel will ich dir erzählen, worauf meine Zuneigung beruht.

1. Die vielseitige Bergwelt

Langmusi liegt in einem Hochtal auf fast 3500 Meter über Meer. Ich kenne nur wenige Ortschaften in einer Höhe von mehr als 3000 Metern, die das ganze Jahr über bewohnt werden. Auf Grund dieser Höhenlage hast du einen einzigartigen Zugang zu einer grandiosen Bergwelt, die zu abenteuerlichen Wanderungen einlädt. Wenn Du Zeit hast, sind hier mehrtägige Pony-Trekkings möglich.

Doch du musst nicht so weit gehen, um die Bergwelt zu geniessen. Es reicht, wenn du auf die nächste Anhöhe steigst, um zu sehen, von welch unglaublich unterschiedlichen Bergen Langmusi umgeben. Schaust du in die eine Richtung, werden dich die rot gefärbten Felsen an den Ayers Rock erinnern. Wendest den Blick in die andere Richtung, hast du plötzlich das Gefühl, in den Schweizer Alpen gelandet zu sein. Schaust du nach unten, fühlst du dich nach Tibet versetzt. Tatsächlich befindest du dich aber genau auf der Grenze zwischen den beiden Provinzen Sichuan und Gansu.

Wanderung1

Gebetsfahnen auf einem Wanderweg hinter dem Kloster.

Wanderung2

Nach einer halben Stunde erreichst du die schroffe Bergwelt.

2. Das bessere Tibet

Nach wie vor können westliche Touristen die Autonome Region Tibet nicht auf eigene Faust bereisen. Wenn du Tibet erkunden willst, hast zu nur zwei Möglichkeiten: Entweder du buchst eine (teure) geführte Rundreise mit mühsamen Sondergenehmigungen (siehe mehr dazu hier) oder du bereist die tibetischen Gebiete ausserhalb der Autonomen Region, wo keine Permits benötigen werden. Langmusi gehört zu letzteren.

Zugegeben, das „moderne“, chinesische Langmusi ist hässlich. Bei meinem ersten Besuch war es ein richtiges Drecksloch. Inzwischen wurden einige Gebäude abgerissen und mit etwas ansehnlicheren Häusern ersetzt. Mit zunehmenden Besucherzahlen ist anzunehmen, dass hier alles platt gemacht wird, um etwas historisch Aussehendes hinzustellen. Ein Plakat am Ortsrat liess dies auf alle Fälle vermuten. Aber immerhin geht hier nichts verloren.

Der wirklich schöne Teil der Ortschaft ist der tibetische, der von dem Zugriff der Entwickler geschützt ist. Hier kannst du dich stundenlang zwischen den Häusern und Tempeln verlieren. Ich sass einfach einen halben Tag auf einem Stein und sah den Mönchen zu, wie sie Wäsche aufhängten, Fussball spielten oder auf einem anderen Stein sitzend mit dem Handy „Angry Birds“ spielten.

Im alten Dorf fühlst du dich in den Film "7 Jahre in Tibet" versetzt.

Im alten Dorf fühlst du dich in den Film „Sieben Jahre in Tibet“ versetzt.

3. Die Menschen sind zugänglich

Während viele Tibeter gegenüber chinesischen Besuchern skeptisch bis abweisend eingestellt sind und es in der Autonomen Region Tibet laut Berichten von anderen Reisenden ebenfalls nicht immer leicht ist, sich mit den Menschen zu unterhalten, empfand ich die Mönche in Langmusi generell sehr offen und kommunikativ.

Auf meinem ersten Besuch vor 15 Jahren, als ich noch kein Wort Chinesisch sprach, bin ich mit einem Reisekumpel an einem Kleintransporter vorbeispaziert, der irgendwo die Böschung runtergefallen war und dabei seine Ladung Ziegelsteine verloren hatte. Nun bildeten die Mönche eine Menschenschlange, um die herumliegenden Steine zum Kloster hochzutransportieren.

Wir stellten uns in die Schlange und halfen beim Hochtragen mit. Nachdem wir fertig waren, gingen wir mit den Mönchen ins Kloster hoch und verspeisten gemeinsam Nudeln. Anschliessend durften wir versuchen, auf der Dungchen (tibetisches Alphorn) zu spielen. Wir bekamen beide keinen Ton raus, waren uns aber einig: Das war ein grossartiges Erlebnis.

Immer für ein Gespräch zu haben: Die Mönche in den Klostern von Langmusi.

Immer für ein Gespräch zu haben: Die Mönche in den Klöstern von Langmusi.

4. Die Himmelsbestattung

Tibeter begraben ihre Verstorbenen nicht. Stattdessen bringen sie die Leichen aus religiösen Gründen auf einen Berg, wo sie von Vögeln gefressen werden. Häufig werden die Toten zuvor in kleinere Stücke gehackt, damit sie die Tiere besser mitnehmen können. Das klingt jetzt alles nicht sehr appetitlich. Aber ich finde es grossartig, dass am Ort diese alte Traditionen fortbestehen.

Bei meinem ersten Besuch hiess es noch, dass Touristen unerwünscht sind. Inzwischen soll es jedoch möglich sein, aus einiger Distanz den Bestattungszeremonien beizuwohnen. Fotografieren darfst du nicht. Ich selber war nie an einer Bestattung und bin auch nicht sicher, ob ich mir das antun will. Ich lief aber in den Hügeln über Langmusi zufällig an einen Bestattungsort, wo noch Knochenreste rumlagen. Das war ziemlich gespenstig, aber auch sehr interessant.

Beim Wander wirst du unweigerlich an geheiligten Orten vorbeikommen.

Beim Wandern wirst du unweigerlich an geheiligten Orten vorbeikommen.

5. Der Ort ist abseits vom Massentourismus

Langmusi ist sicherlich kein ultimativer Geheimtipp wie die vergessenen Schlösser von Südshanxi oder die Insel Wailingding, die wirklich praktisch keiner kennt und in keinem mir bekannten Reiseführer erwähnt sind. Aber die beschwerliche Anreise sorgt dafür, dass Langmusi bisher von den ganz grossen Besuchermassen verschont geblieben ist.

Und doch hast du in der kleinen Ortschaft jede Infrastruktur, die du als Reisender brauchst einschliesslich vernünftiger Restaurants und Internet-Cafés. Auch triffst du im „modernen“ Stadtteil andere Besucher, mit denen du dich unterhalten kannst. Doch sobald du in die Kloster gehst oder gar im Tal zu wandern beginnst, hast du diesen wunderbaren Platz ganz für dich alleine. Etwas, das in China leider längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Eines von zahlreichen Gebäuden des Klosters von Langmusi.

Eines von zahlreichen Gebäuden des Klosters von Langmusi.

Zentrum des alten Dorfs.

Zentrum des alten Dorfs.

Praktische Tipps

Anreise: Bei meinem ersten Besuch war Langmusi nur über eine schlechte Schlammpiste in einer mehrtägigen Fahrt zu erreichen. Inzwischen ist das besser geworden. Doch trotz der neuen Strasse ist die Anreise noch immer lang und beschwerlich. Am besten gelangst du über Lanzhou oder Xining nach Langmusi, etwas schneller bist du dort, wenn du über den Regionalflughafen von Jiuzhaigou anreist. Günstige Verbindungen findest du zum Beispiel bei Skyscanner.

Unterkunft: Bei meinem letzten Besuch vor etwa drei Jahren gab es eine handvoll schmuddeliger Hotels, in denen auch Ausländer unterkommen durften. Wie das heute aussieht, weiss ich nicht. Siehe zur Problematik mit chinesischen Hotels auch diesen Artikel. Besser bist du dran, wenn du dir ein Zimmer in einer von mehreren Jugendherbergen nimmst. Die Räume lassen sich nicht über die gängigen Bettenportale buche, was aber auch nicht nötig ist.

Eintritt: Für Langmusi selbst muss du keinen Eintritt bezahlen. Allerdings verlangen die beiden Kloster jeweils etwas. Bei meinem Besuch war es möglich, den Fluss (Grenze zwischen den beiden Provinzen Sichuan und Gansu) zu überqueren und nach einer Weile von hinten ins alte tibetische Dorf zu gelangen. Das erfordert aber eine Wanderung von etwa einer Stunde.

Reisezeit: Langmusi liegt auf rund 3500 Metern und ist selbst im Sommer relativ kühl. Ich will mir nicht vorstellen müssen, wie sich die Winter anfühlen.

Kommunikation: Langmusi wird zwar immer wieder von Ausländern angesteuert. Doch mit der Ausnahme von zwei Mönchen begegneten mir nur ganz wenige Menschen, mit denen ich mich auf Englisch verständigen konnte. Grundsätzlich empfehle ich daher meine Tipps zur Kommunikation in China durchzulesen.

Weitere Sehenswürdigkeiten in der Umgebung: Langmusi befindet sich auf der „Tibet-Tangente„. Richtung Süden lohnt es sich, einen Zwischenstop im Dörfchen Songpang und danach im unglaublich schönen Naturschutzgebiet Jiuzhaigou zu machen. Falls du nach Norden weiterreist, kann ich dir empfehlen das tibetische Kloster von Xiahe zu besuchen: Die Landschaft ist dort zwar weniger eindrücklich als in Langmusi, aber das Kloster ist grösser. Weitere lohnenswerte Ziele in der Nähe sind Tongren (ebenfalls ein tibetischer Klosterort) und der Qinghai-See.

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12 Kommentare

  1. Hallo,

    Ja, dort ist es sehr schön. Ich habe aber auf meiner Reise in die Provinz Shanxi vor ein paar Wochen auch ganz zauberhafte Dörfer kennen gelernt.
    Es gibt noch sooo viel zu entdecken in China!

    1. Das glaube ich dir, Ulrike. Ich war in diesem Frühling zehn Tage in Shanxi unterwegs und hab auch eine Reihe von zauberhaften Dörfern besucht. Sehr schön sind auch Guizhou, Yunnan und Guangxi, wenn du gerne kleine Dörfer magst. Kann ich dir sehr empfehlen. Es gibt noch so viel zu schreiben über China… 🙂

  2. Wow, ich liebe solche „völlig unbekannten“ Orte. 😀
    Ich persönlich habe noch nie von Langmusi gehört (alleine der Name ist super XD) und da sieht man mal wieder, welche schönen Orte es auf der Welt gibt!
    Einfach toll!
    Liebe Grüße
    Christina

    1. Danke für den Kommentar, Christina. Ja, in China gibts noch viele Flecken, die „keiner“ kennt. Selbst Grossstädte mit sechs Millionen Einwohnern sind bei uns teilweise total unbekannt. Das ist irgendwie schon schräg. 🙂

  3. Hey Oliver, toller Post!
    Ich bin gerade auf dem Weg von Xiahe nach Langmusi und habe deinen Bericht verschlungen. Super beschrieben, bin jetzt sehr gespannt auf meine Erlebnisse.
    Viele Grüße aus Gansu.

    1. Danke und ich wünsch dir viel Spass. Schickst du mir ein Foto von Langmusi, wenn dort wirklich eine komplete neue Altstadt errichtet wurde?

  4. Hey Oliver und alle anderen Reisenden,

    ich war diesen Sommer in Langmusi. Gewohnt habe ich im Tibetan Barley Youth Hostel (Gold auf der chinesischen Reiseapp und Empfehlung von Lonely Planet und mir).

    Ich bin dem Pass gefolgt, der am Ende von Kirti Gompa liegt. Habe einige Höhlen ausgekundschaftet. Dann 30 min wandern, bis Einheimische Pferderitt angeboten haben (sie scheinen dort ein Camp zu haben), 30 min aufm Pferd in die Berge (ziemlich wilder Ritt…) mit einem jungen Herrn. Dann bin ich mit ihm auf einen Bergipfel geklettert (ca. 1 h auf kaum zu sehenden Trampelpfaden). Von dort haben wir auf ganz Langmusi runtergeblickt und die tausend Berge bis zum Horizont bewundert. Wir haben gesungen und auf die Echos gehorcht.

    Ein Besuch wert. Ich empfehle von Chengdu (über Songpang) nach Jiuzhaigou, dann über Langmusi und Xiahe nach Lanzhou (große Stadt, Weiterfahrt überall hin möglich).

    Liebe Grüße!

    1. Danke für den Tipp. Das klingt tatsächlich nach einem tollen Ausflug. Und die Natur rund um Langmusi ist ja eh wunderbar…

  5. Hallo Oliver, ich habe Langmusi auch auf meiner To Do Liste für meine China Reise im Mai. Kannst du mir einen Tipp geben, wie ich Langmusi erreiche (Bus etc.?). Werde vorher auch in Chengdu und Jiuzhaigou sein.

    Danke dir!

    1. Hallo Christina,

      die Orte liegen ja alle mehr oder weniger an der gleichen Strasse (siehe dazu auch meinen Artikel zur Tibet-Tangente https://www.sinograph.ch/von-xining-nach-chengdu-unterwegs-auf-der-tibet-tangente/ den ich gerad noch in den Artikel eingebaut habe).

      Den aktuellen Busfahrplan kenne ich nicht. Aber möglicherweise wirst du ein bis zwei Mal umsteigen müssen. Zuerst fährst du nach Songpan, wo du übrigens auch gut einen oder zwei Tage Halt machen kannst. Als nächstes nach Zoige, und von dort weiter nach Langmusi. Vielleicht hast du auch Glück und kannst inzwischen ab Songpan direkt fahren.

      Wenn du am Ende deine aktuellen Erfahrungen mit mir und den Lesern teilen könntest, wäre ich dir sehr dankbar. 🙂

      Gruss,
      Oli

    2. Liebe Christina,
      Von Jiuzhaigou gibt es täglich einen Bus um 7 Uhr in der Früh nach Lanzhou. Dieser fährt an Langmusi vorbei, Ankunft ca. um 14 Uhr, 115 Yuan, ohne Umsteigen;) Frage einfach in deinem Hostel/Hotel nach.
      Liebe Grüße!

      1. Danke für den Tipp!

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