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Wer mag, kann im Tiger-Park von Harbin die Raubkatzen mit Fleischstreifen füttern. Fotos: O. Zwahlen

Eine der bekanntestens Sehenswürdigkeiten in der nordostchinesischen Stadt Harbin ist der Tiger-Park. Hier kannst du nicht nur zahlreiche gelangweilte Tiger beobachten, sondern auch ganze Hühner kaufen und sie den Raubkatzen zum Frass vorwerfen. Allzu tierlieb solltest du bei einem Besuch allerdings nicht sein.

„Es lohnt sich nicht, 200 Yuan in ein lebendes Huhn zu investieren“, hatte mir ein Bekannter erklärt, bevor ich mich vor drei Jahren auf den Weg zum Eisfestival von Harbin machte und dabei auch den nahegelegenen Tiger-Park besuchen wollte. Die Wächter würden das Huhn einfach ins Gehege legen. Sobald es zu flattert, errege das die Aufmerksamkeit der Tiger. „Er schleicht sich an, nimmt einen Satz und schon ist alles vorbei. Kein Fluchtversuch, kein Blut“, sagte er fast ein bisschen enttäuscht.

Dass Hühner und Fasane kein hinreichend grandioses Spektakel sind, das muss inzwischen auch die Parkverwaltung bemerkt haben. Zwar ist der Fasan das grösste Tier, das ich lebend bei der alten Frau kaufen könnte, die mir und meiner Gruppe mit einem kleinen Karren nachläuft.  Doch wer das nötige Kleingeld mitbringt, der kann auch dabei zusehen, wie die Tiger einen Bullen zerfleischen. Nicht „sex sells“ lautet hier die Device, sondern „saddism sells“!

Ich habe allerdings Glück: Bei meinem Besuch geht es harmlos zu. Nur ein paar wenige Gäste kaufen Fleischstreifen, die sie mit einer Zange durch den grobmaschigen Zaun halten. Die Tiger spazieren gelangweilt heran und fressen den Touristen aus der verlängerten Hand.

Das Ziel: Der Artenschutz

Das selbsterklärte Ziel des Tiger-Parks besteht darin, den seltenen Sibirischen Tiger zu züchten und ihn in den Weiten der nordostchinesischen Steppe auszuwildern. Dies wäre an sich keine schlechte Idee: Die Population der Amur-Tiger, die nicht in Gefangenschaft leben, beläuft sich im gegenwärtigen China je nach Quelle auf gerade einmal 20 bis 50 Stück. Mindestens zehn Mal mehr Sibirischen Tiger sind in Russland zu hause.

Blick auf die Tiger durch den Bus.

Blick auf die Tiger durch den Bus.

Westliche Wissenschaftler zweifeln jedoch an den Ambitionen das Parks und werfen ihm Missmanagement und vor allem auch Inzucht vor. Angeblich sollen einige Tiere kränkeln oder atypische Streifenmuster aufweisen. Zudem würden die Unterarten bunt durcheinander gemischt. Doch gerade bei einer Auswilderung müssten die Artgrenzen streng eingehalten werden, damit auch wirklich ein Tier in die Wildnis gelangt, das dem Lebensraum gut angepasst ist.

Diese wissenschaftlichen Mängel könnten auch mit der Geschichte des Parks zusammenhängen. Ursprünglich war die Anlage gegründet worden, um Tiger für medizinische Zwecke zu züchten.  In der traditionellen chinesischen Medizin gelten – wenig überraschend – gewisse Körperteile des Tigers als potenzfördernd.

Erst als vor rund 20 Jahren der Handel mit Tigerteilen verboten wurde, musste eine neue Geldquelle her. Gut für die Parkverwaltung, dass gerade zu diesem Zeitpunkt der Tourismus zu wachsen begann. Doch dies alles fand ich erst nach meinem Besuch heraus.

Unsere Runde durch die Gehege

Ich mache also die Standardtour mit. Gleich hinter der Kasse stelle ich mich erneut in eine Schlange. Hier muss ich warten, bis wir uns in einen der vergitterten Safari-Busse zwängen können. Ich sitze auf der hintersten Bank in der Mitte. Die Scheiben sind verschmiert und es fällt mir schwer, die Tiger überhaupt zu sichten.Vorne neben dem Fahrer sitzt eine Frau mit Mikrofon, die uns über die Geschichte der Anlage informiert und ein paar Dinge über Tiger erzählt. Alles ist auf Chinesisch.

Kuschelnde Tiger in ihrem Gehege.

Kuschelnde Tiger in ihrem Gehege.

Wir fahren rund 15 Minuten im Bus durch die verschiedenen Gehege, vorbei an zahlreichen Tigern, die gelangweilt im Staub liegen. Immer wieder geht es durch Schleussen, die verhindern sollen, dass die Wildkatzen vom einen Gehege ins nächste gelangen. Ein Tor können wir nicht öffnen, weil es ein davor liegender Tiger versperrt. Dem Fahrer fehlt die Geduld – wohl auch, weil er weiss, dass die nächste Gruppe schon wartet – und er beginnt das Tier pausenlos anzuhupen. Nach einer Weile steht der Tiger genervt auf und macht Platz.

Als nächstes können wir auf einer vergitterten Brücke selbständig durch die Gehege laufen. Das ist deutlich angenehmer. Der Hochweg führt uns auch an einigen Käfigen vorbei, in denen sich andere Raubkatzen befinden wie zum Beispiel ein weisser Tiger. Ich glaube mich auch noch an Löwen, Panter und Jaguare zu erinnern. Die Tiere sehen majestätisch aus, tun mir aber in den kleinen Zellen ohne Auslauf etwas leid.

Fazit

Ich bin noch immer etwas unschlüssig, ob ich einen Besuch des Tiger-Parks in Harbin empfehlen soll. Die Bemühung, eine vom Aussterben bedrohte Tierart wie den Amurtiger zu züchten und auszuwildern, scheint mir löblich. Dass Tiger in einem Gehege nicht so gut gehalten werden können, wie in freier Wildbahn, liegt ebenfalls nahe. Trotzdem störte mich die extreme Kommerzialisierung des Betriebs, die sich sowohl negativ auf das Besuchserlebnis wie auf die Tierhaltung auswirkt. Ein zweites Mal ginge ich nicht mehr hin.

Praktische Tipps

Der Eintrittspreis in den Tiger-Park beträgt 90 Yuan (50 Yuan für Kinder). Du kannst den Park zwischen 9 Uhr früh und 16 Uhr nachmittags besuchen. In rund einer Stunde hast du alles gesehen. Den Park erreichst du entweder mit Bus 85 (Station Dongbeihu Yuanlin) oder einfacher per Taxi (siehe meine Tipps zum Taxifahren in China).

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