Fremde Gesichtszüge werden schnell vertraut. Fotos: O. Zwahlen

Fremde Gesichtszüge werden schnell vertraut. Fotos: O. Zwahlen

Fast jeder der gerne reist, behauptet von sich, an unstillbarem Fernweh zu leiden. Das tat auch ich lange. Nach ein paar Jahren im Ausland begann sich jedoch eine grosse Verwirrung einzustellen, sobald ich über das Gefühl „Fernweh“ nachdachte. Geständnisse eines Rückkehrers.

Im heutigen Beitrag geht es etwas persönlicher zu. Ich möchte von meiner Gefühlswelt während meiner sechs Jahre in China erzählen. Der Hintergrund ist, dass Blogger-Kollegin Sabine zu einer Blogparade zum Thema „Fernweh“ aufgerufen hat. Falls du gerade nur Bahnhof verstanden hast: Bei einer Blogparade fordert ein Blogbetreiber andere Blogger auf, sich zu einem bestimmten Thema zu äussern. Am Ende werden die unterschiedlichen Artikel in einer Übersicht zusammengestellt. Auch ich habe bereits Blogparaden veranstaltet wie zum Beispiel zu den schönsten Dörfern der Welt oder aktuell zu den wichtigsten Informationsquellen für Reisende. Bei beiden kannst du übrigens noch mitmachen.

Doch zurück zum Fernweh: Hätte mich jemand während meiner Uni-Zeit gefragt, ob ich Fernweh habe, dann wäre mir die Antwort leicht gefallen. Immerhin sprach alles dafür: Als angehender Ethnologe träumte ich in den Vorlesungen davon, einmal selber „wilde Völker“ zu besuchen und ihre Kultur zu erforschen. In den Pausen hegte ich mit meinen  Kommilitonen spannende Reiseprojekte für die Semesterferien aus und mit meiner damaligen Freundin sprach ich wohl jeden Abend über die geplante Weltreise nach dem Abschluss. Wir hatten sogar eine Weltkarte über dem Bett aufgehängt.

Nachdem ich nun sechs Jahre in China verbracht habe und seit einiger Zeit wieder in der Schweiz bin, ist plötzlich alles nicht mehr ganz so klar. Was ist Fernweh überhaupt? Was bedeutet es, wenn man in der Ferne ebenfalls Fernweh verspürt? Ist das etwa „Nochfernerweh“?

Erkenntnis 1: Das Ferne bleibt oft unerreichbar

Seit ich als kleiner Junge unter der Bettdecke die Abenteuer von Winnetou und Old Shatterhand las, hatte ich das Bedürfnis die Ferne kennenzulernen. Dabei ging es nie um die geographische Distanz, sondern um die emotionale. Australien und auch die USA haben mich nie übermässig interessiert – ersteres hat mir bei meinem Besuch vor einigen Jahr auch nicht sonderlich gefallen. Nein, es mussten fremde Völker sein mit ganz anderen Wertvorstellungen und Lebensweisen.

Bald musste ich erkennen: So einfach geht das nicht. Und dies aus zwei Gründen. Erstens lässt sich das Fremde beim besten Willen nicht ohne weiteres erschliessen. Trotz meiner guten Vorsätze ist es mir beispielsweise in Australien kein einziges Mal gelungen, mit einem Aborigines in ein echtes Gespräch zu kommen. Diese Menschen waren unglaublich abweisend und schauten mich bei Reden meistens nicht einmal an. (Wieso das so ist, habe ich übrigens erst Jahre später bei der Lektüre dieses grandiosen Buchs erkannt).

Zweitens bin ich auch in der Ferne in der eigenen Haut gefangen. Als eher ruhiger und zurückhaltender Mensch fällt es mir auch in Thailand bei einer wilden Fullmoon-Party schwer, selber „wild“ zu werden. Ich habe meine Routinen und meine eigenen Wertvorstellungen, die ich an jeden Ort der Welt mitbringe und die ich nicht einfach so ablegen kann und letztlich auch nicht ablegen muss. Auch in China konnte ich das erkennen: Mein Alltag in der Ferne unterschied sich nur in Details von dem, den ich zuvor in der Schweiz zurückliess.

Erkenntnis 2: Das Ferne manifestiert sich im Kleinen

Es ist interessant: Bei den grossen und offensichtlichen Kulturunterschieden fällt es mir jeweils leicht, grosszügig darüber hinwegzusehen. Wieso sollte man beispielsweise kein Hundefleisch essen? Das ist nicht mein Ding, aber in einigen Regionen von China Tradition – und bei weitem nicht die ekligste, von der ich je las. Im Reich der Mitte wird oft gedrängelt und es ist keine Seltenheit, jemanden den Schleim hochziehen und ausspucken zu hören. Das hat mich am Anfang genervt und doch habe ich mich an beides schnell gewöhnt. Zumindest am Drängeln fand ich sogar selber Spass.

Offensichtlich Anderes wie "eklige Speisen" ist leicht zu akzeptieren.

Offensichtlich Anderes wie „eklige Speisen“ ist leicht zu akzeptieren.

Schwieriger wird es jedoch bei kleinen Dingen, die man zunächst nicht als kulturelle Unterschiede erkennt und die deswegen oft auch kaum in Worte zu fassen sind. Da ist zum Beispiel der Unterschied zwischen der mitteleuropäischen Rechthaberkultur und den asiatischen Konsensidealen. Plötzlich stellt man fest, dass man nicht auf den gleichen Grundlagen diskutiert und dass auf diese Weise eine tiefere Verständigung ohne eine gründliche Selbstreflexion überhaupt nicht möglich ist.

Und so ergeht es mir seit meiner Rückkehr in die Schweiz: Es ist nicht so sehr, das chinesische Essen, nach dem ich mich sehne – auch wenn ich Stinktofu und Tausendjährige Eier schon ziemlich vermisse. Sondern es sind eben diesen Unterschiede und Herausforderungen, die mir im Schweizer Alltag fehlen.

Erkenntnis 3: Das Ferne ist Gewöhnungssache

Es ist eigentlich eine Binsenweisheit oder vielleicht sogar eine Tautologie, aber sobald das Ferne in der Nähe ist, verliert die Ferne ihre Fernheit. Anders formuliert: Egal wie exotisch eine Umgebung zunächst auch erscheint, nach einer Weile gewöhnt man sich an das Fremde.

Als ich vor 15 Jahren in Singapur zum ersten Mal asiatischen Boden betrat, hielt ich einen Augenblick inne und schaute um mich. Was ich sah, waren Chinesen, Inder und Malaien. Ein paar Jahre später fielen mir diese ethnischen Merkmale überhaupt nicht mehr auf. Wenn ich um mich sah, dann entdeckte ich in der Strasse manchmal einen Patrick, einen Akos oder einen Felix – also Menschen, die mich trotz ihres asiatischen Aussehens vor allem an meine besten Freunde in der Heimat erinnerten.

Fazit

Nachdem ich ein paar Jahre in einer fremden Kultur gelebt habe, ergibt das Konzept „Fernweh“ für mich nicht mehr so richtig Sinn. Ja, das Bedürfnis, Neues zu lernen, habe ich noch immer. Aber dieses Neue muss nicht zwingend weit weg liegen.

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9 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen interessanten Artikel zu meiner Blogparade! Die Erkenntnis, dass die Ferne schnell an Fernheit verliert, kenne ich auch. Oft fühlt man sich schon nach ein paar Tagen an einem Ort dort ganz vertraut.

    1. Wenn du das schon nach ein paar Tagen erlebst, kannst du dir ja sicherlich vorstellen, wie das nach ein paar Jahren ist… 🙂

  2. Hi, was du beschreibst kommt mir bekannt vor. Bei mir ist es so, dass ich mir doch regelmäßig in Erinnerung rufen muss wo ich eigentlich bin. Selbstverständlich ist das alles nicht. Und erst wenn man zurückblickt merkt man wie besonders das was man da hatte eigentlich war.

    Gruß Markus

  3. Wie wahr – wie wahr!
    Robert Menasse hat einmal geschrieben: „Die Fremdheit ermöglicht nicht das Erkennen, sondern nur das Erkennen der Fremdheit. Die Distanz ermöglicht nicht einen Blick auf das Ganze, sondern nur einen Blick auf noch mehr Einzelheiten“…das gilt wohl auch für die ‚Ferne‘.

    Danke für den schönen Artikel.

    PS: Stinktofu&Gruseleier vermisse ich selbst nach 3 Jahren China-Detox noch nicht.

    1. Hi Eva,

      vielen Dank für die interessante Ergänzung. Insbesondere der erste Teil mit dem Erkennen der Fremdheit überzeugt mich. Dass ein Blick aus der Distanz keinen Blick auf das Ganze ermöglicht, würde ich allerdings nicht kategorisch aussschliessen. Diese Vermutung basiert wohl darauf, dass eine Ortsveränderung zunächst einmal lediglich einen Aufenthalt an einer anderen geographischen Postion darstellt nicht aber zwingend eine grössere Ferne ermöglicht. Oder verbildlicht gesprochen: Wenn du von einem Tal ins andere wanderst, gewinnst du keinen Überblick. Den gibt es nur auf dem Gipfel.

      Gruss,
      Oli

      PS: Hast du denn Stinktofu und „Gruseleier“ mal versucht? Die meisten Leute, die das nicht mögen, haben es nämlich gar nie versucht.

  4. Haha, erwischt! die Eier hab ich tatsächlich immer nur gerochen (Anis?) – nie probiert. beim nächsten China-Aufenthalt hol ich das nach, versprochen.
    Beste Grüße,
    Eva

    1. Nein, das ist eigentlich kein Anis dran. Meistens recht viel Essig, Ingwer und Knoblauch. Versuche am besten mehr als eine Art von Eier, denn es gibt ziemliche regionale Unterschiede. Ich fand die aus Hunan am besten. Und denk auch daran: Es gibt auch Eier, die einfach im Schwarztee gekocht wurden und deswegen etwas braun wurden. Das sind aber keine richtigen Pidan, sondern einfach gefärbte Kocheier.

  5. Fernweh gibt es nur dann, wenn man zu lange in seiner Komfortzone war.

    Das ist der Drang etwas Neues zu sehen und zu erleben. Wenn man, so wie ich auf Weltreise unterwegs ist, ist man permanent gezwungen aus der Komfortzone heraus zu gehen. Da kommt kein Fernweh auf 🙂

    1. Das was du sagst, habe ich teilweise auch schon beobachtet. Ich denke aber trotzdem nicht, dass Fern- oder auch Heimweh direkt mit dem „Verlassen der Komfortzone“ zusammenhängt – hab sowieso ein bisschen Mühe mit dem Begriff – sondern mit einem viel banaleren Umstand: Sobald ich vielbeschäftigt bin, habe ich keine Zeit mehr, mir Gedanken über mich und mein Leben zu machen.

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