Shanghai ist eine Stadt der Superlative: Glitzernde Wolkenkratzer, futuristische Architektur und eine Skyline, die weltweit ihresgleichen sucht. Doch wer nach dem Shanghai der 1920er- und 1930er-Jahre sucht, findet es heute nur noch am westlichen Stadtrand. Im Shanghai Film Park.
Wer schon einmal alte Fotos von Shanghai gesehen hat, kennt die beeindruckenden Bilder: elegante Art-déco-Gebäude, klingelnde Strassenbahnen, Rikschas, Leuchtreklamen und das geschäftige Treiben einer der modernsten Städte Asiens. Kaum zu glauben, aber dieses Shanghai existiert heute noch – zumindest als Filmkulisse.
Im Westen der Millionenmetropole, im Stadtbezirk Songjiang, liegt der Shanghai Film Park (上海影视乐园). Was zunächst wie ein Freizeitpark wirkt, ist in Wirklichkeit ein professionelles Filmstudio. Seit den 1990er-Jahren entstehen hier historische Film- und Fernsehproduktionen. Dafür wurden ganze Strassenzüge des alten Shanghai detailgetreu nachgebaut.
Spaziergang durchs alte Shanghai
Der Filmpark vermittelt das Gefühl, mehrere Jahrzehnte in die Vergangenheit gereist zu sein. Besucher schlendern über breite Boulevards mit historischen Fassaden, vorbei an Banken, Hotels und Kaufhäusern im Stil der 1920er- und 1930er-Jahre.
Besonders beeindruckend ist die Nachbildung der berühmten Nanjing Road. Historische Strassenbahnen rollen durch die Strasse, während alte Automobile und Rikschas das Bild vervollständigen. Zumindest gelegentlich. Bei meinem Besuch standen die alle abgestellt in einer grossen, ziemlich sehenswerten Halle. Auch Details wie Strassenschilder, Schaufenster oder Reklametafeln orientieren sich an historischen Vorbildern.
Nicht weniger authentisch wirken die engen Shikumen-Gassen, die einst die typischen Wohnviertel Shanghais prägten. Diese besonderen Stadthäuser entstanden Ende des 19. Jahrhunderts und verbanden traditionelle chinesische Wohnformen mit westlichen Einflüssen und wurden zu jener Zeit zu einer Art Markenzeichen der Stadt.

Nachgebaute historische Gebäude in der Shanghaier Innenstadt…

…erwecken ein Gefühl, wie die Stadt vor rund hundert Jahren aussah.
Warum wurde der Filmpark gebaut?
Shanghai hat sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant verändert. Wolkenkratzer und moderne Wohnviertel haben einen Grossteil der historischen Bebauung ersetzt. Für Filmproduktionen wurde es deshalb immer schwieriger (und vor allem auch teurer), das Shanghai der Vorkriegszeit glaubwürdig darzustellen.
Die Lösung war der Bau einer dauerhaften Filmkulisse. Statt jedes Mal neue Sets zu errichten, entstand eine ganze historische Stadt, die flexibel für unterschiedlichste Produktionen genutzt werden kann.
Heute wird der Park sowohl für chinesische Fernsehserien als auch für internationale Filmproduktionen verwendet.
Berühmte Filme und Serien
Zahlreiche bekannte Produktionen wurden hier gedreht oder nutzten Teile der Kulissen. Dazu gehören unter anderem:
- Lust, Caution von Ang Lee
- Blossoms Shanghai von Wong Kar-wai
- Shanghai Grand
- Kung Fu Hustle
- verschiedene historische chinesische Fernsehserien
Da sich die Kulissen ständig verändern und erweitert werden, kann ein Besuch jedes Mal etwas anders aussehen. Ausserdem ist es möglich, dass wegen aktuellen Dreharbeiten einzelne Bereiche abgesperrt sind. Bei meinem Besuch konnte man beispielsweise die Kolonialgebäude nur aus der Ferne sehen.

Ein vollständiges ausgestattes Cafe dient als Filmset, aber auch für die Verköstigung von Touristen.

Das Schiff ist nur gerade so gross, wie man es auf diesem Ausschnitt sehen kann.
Mehr als nur Kulissen
Der Shanghai Film Park besteht zwar zu einem Grossteil aus reinen Fassaden. Das sieht man besonders gut, wenn man durch geöffnete Fenster schaut und dahinter statt Innenräume Bäume sieht. Auch auffällig ist, dass manche Strassen zwar grössere Schaufenster haben, die unterschiedlich eingerichtet sind, etwa als Zahnarztpraxis oder Grammophonladen. Doch tiefer als einen Meter ins Gebäude reichen sie nie.
Doch nicht alles sind nur Kulissen. Grössere Gebäude wie etwa die Kirche, scheinen in ihrem Innern kleinere Studios zu beherbergen. Zumindest sah das durch eine kurz geöffnete Türe so aus. Zudem gibt es mehrere Restaurant mit vollständig eingerichteten Innenräumen. Auch sie können als Filmsets genutzt werden, dienen in der Regel aber Touristen zu Verpflegung. Und angesichts der Hitze und des weitläufigen Geländes ist das ein Angebot, das man auch gerne annimmt.
Eindrücklich fand ich den Bahnhof mit seinen ausgestatteten Eisenbahnwaggons. Bei meinem Besuch wurden diese allerdings gerade alle stark umgebaut, so dass ich sie leider nicht betreten konnte. Laut Aussagen meiner Begleitung ist dies aber in Regel möglich.
Paradies für Fotografen
Für Fotografen gehört der Filmpark zu den interessantesten Orten Shanghais. Anders als im modernen Stadtzentrum stören hier kaum Hochhäuser oder Leuchtreklamen den historischen Eindruck. Mit der richtigen Perspektive entstehen Bilder, die aussehen, als wären sie tatsächlich in den 1930er-Jahren aufgenommen worden.
Vor allem morgens oder am späten Nachmittag sorgt das warme Licht für eine besonders authentische Atmosphäre.

Manche Läden sind vollständig eingerichtet. Die Figuren werden bei Dreharbeiten allerdings – wenig überraschend – mit echten Schauspielern ersetzt.

Eingang zu den engen Shikumen-Gassen, die einst die typischen Wohnviertel Shanghais prägten.
Lohnt sich der Besuch?
Wer sich für Geschichte, Architektur oder Film interessiert, findet hier eine der aussergewöhnlichsten Sehenswürdigkeiten Shanghais. Auch ohne Dreharbeiten vermittelt der Park einen faszinierenden Eindruck davon, wie die Metropole in ihrer Blütezeit ausgesehen haben könnte.
Zwar handelt es sich nicht um ein historisches Original, dafür aber zeigt der Shanghai Film Park eindrucksvoll, wie viel Aufwand hinter historischen Filmen steckt. Und wer gerne chinesische Filme schaut, erkennt möglicherweise auch den einen anderen Drehort.
Praktische Tipps
Anreise: Der Shanghai Film Park liegt im Stadtbezirk Songjiang, rund 35 Kilometer südwestlich des Stadtzentrums. Am einfachsten erreichst du ihn mit dem Bus Shangshixian (上石线 ) direkt vom Fernbusterminal vor dem Shanghaier Südbahnhof. Die Fahrt dauert rund eine halbe Stunde.
Eintritt: Der Park ist in der Regel täglich geöffnet. Plane mindestens drei bis vier Stunden für den Besuch ein – wer gerne fotografiert oder filmt, kann problemlos einen halben Tag hier verbringen. Der Eintritt kostet normalerweise zwischen 80 und 100 Yuan. Informiere dich vor deinem Besuch über die aktuellen Öffnungszeiten und Preise.
Beste Besuchszeit: Komm möglichst früh am Morgen oder am späten Nachmittag. Dann ist das Licht deutlich angenehmer und es sind weniger Besucher unterwegs. Nach einem Regenschauer wirkt der Filmpark besonders stimmungsvoll, weil sich die historischen Fassaden im nassen Pflaster spiegeln.
Dreharbeiten: Da der Shanghai Film Park ein aktives Filmstudio ist, können einzelne Bereiche kurzfristig gesperrt sein. Mit etwas Glück wirst du dafür Zeuge laufender Dreharbeiten oder begegnest Schauspielern in historischen Kostümen.
Verpflegung: Im Park gibt es mehrere Restaurants und Snackstände. Die Auswahl ist ausreichend, allerdings etwas teurer als ausserhalb des Geländes. Es gibt allerdings keine Gepäckkontrolle. Wer länger bleibt, kann sich also auch Getränke und kleine Snacks mitbringen.
Für Filmfans: Der Park verändert sich laufend. Je nach aktuellen Produktionen werden Kulissen umgebaut, ergänzt oder neu dekoriert. Deshalb kann derselbe Ort bei einem späteren Besuch ganz anders aussehen – ein guter Grund, mehr als einmal zu kommen.
Weitere Sehenswürdigkeiten in Shanghai: Einer meiner Lieblingsorte in Shanghai ist das Schlachthaus 1933, ein etwas bizarr anmutendes Betongebäude, das seit Jahren versucht, ein Kulturzentrum zu werden. Ebenfalls etwas skuril ist Thames Town, eine „englische“ Kleinstadt am Stadtrand von Shanghai.
Bist du neu hier? Dann schau dir hier an, was Sinograph bezweckt? Wenn du auf der Suche nach Reiseinspiration bist, dann schau dich hier in der Rubrik Reiseziele um. Und vergiss nicht, Facebookfan von Sinograph zu werden. Praktische Reisetipps findest du im Chinareiseforum.






Wie toll! Wie du ja vielleicht mitbekommen hast, schlägt mein Herz für China mittlerweile sehr hoch ;). Für Shanghai hatte ich bei meiner ersten Chinareise leider viel zu wenig Zeit, daher muss ich unbedingt nochmal hinreisen. Am Besten mit mehr Zeit im Gepräck. Wobei die Zeit für China wohl niemals ausreichen wird. Und dann werde ich mir den Filmpark auf jeden Fall auf die To-See-Liste setzen. Wie war es für dich nun wieder mal dort zu sein? Sicher hat sich schon wieder megaviel verändert. LG, Nadine
Hallo Nadine,
den Filmpark fand ich ziemlich cool. Auch ein toller Ort für alle, die gerne fotografieren. Ich hab schon länger mal vom Filmpark gehört und wollte ihn unbedingt mal besuchen.
Hm, wenn ich ehrlich sein soll, hat mich eher überrascht, dass sich an China weniger verändert hat, als ich nach über sechs Jahren erwartet hätte. Mein Eindruck ist, dass sich die Entwicklung in den letzten Jahren schon deutlich verlangsamt hat. Was natürlich auch normal ist, wenn sich schon so vieles entwickelt hat.
Der grösste und vielleicht auffälligste Unterschied war wahrscheinlich die starke Verbreitung der Elektromobilität. Da ist nun zumindest in Shanghai wirklich jedes zweite Auto elektrisch unterwegs. Wobei das in abgelegeneren Regionen noch einmal anders sein dürfte. Aber ansonsten fühlte es sich nicht an, als sei ich so lange nicht mehr dort gewesen. Wobei das wahrscheinlich in Peking, wo ich gewohnt habt und das ich viel besser kenne, noch einmal ein bisschen anders gewesen wäre.
Liebe Grüsse,
Oli