Besonders schön ist Fenghuang aus der Perspektive eines der zahlreichen Boote. Fotos: O. Zwahlen

Besonders schön ist Fenghuang aus der Perspektive eines der zahlreichen Boote. Fotos: O. Zwahlen

Fenghuang (Phoenix-Town) ist umstritten: Die einen sehen die Stadt im Südwesten von Hunan als Sinnbild für alles, was im chinesischen Tourismus schief läuft, andere heben die liebevoll renovierte Altstadt hervor. Selber bin ich hin- und hergerissen, deswegen  gibt es heute einen „Abwäge-Artikel“.

„Jungs und Mädels, macht euch keine Sorgen, wenn ihr ein gebrochenes Herz habt oder euren Exfreund vergessen wollt: In Fenghuang findet jeder eine neue Liebe“, ruft Herr Hui. Er steht vorne im Bus und preist lauthals die Vorzüge der historischen Kleinstadt im Südwesten der Provinz Hunan an.  In den Bus ist er gekommen, um Kunden zu finden für sein Business als Reiseführer.

Es folgen die obligaten Zahlen, mit denen Tourguides aus aller Welt gerne um sich werfen. Es sind die Zahlen, die Besucher begierig aufnehmen, um sie im nächsten Augenblick gleich wieder zu vergessen. Auch ich konnte mir nur eine merken, nämlich dass der historische Kern von Fenghuang gerade einmal 1,8 Quadratkilometer gross ist.

Dass Fenghuang eine Partystadt ist, merkt man sofort. Ich hatte mir ein Bett in einer Jugendherberge reserviert und den Taxifahrer angewiesen, mich dorthin zu bringen.  Die Rezeption war in einer Bar mit lauter, stampfender Musik. An allen Ecken gab es Scheinwerfen, die in allen möglichen Farben blinkten. Ich fühlte mich eher in einer Disco als in einer vernünftigen Unterkunft und war heilfroh, als der Mann meine Reservation nicht finden konnte. Nach einer Weile merkten wir, dass mich der Fahrer zur falschen Unterkunft gebracht hatte.

Eine Stadt mit zwei Gesichtern

Die zwei Gesichter von Fenghuang sind erstaunlich. Tagsüber ist die Stadt sehr ruhig. Bei einem Rundgang kann man die unzähligen alten und die vermutlich genauso unzähligen alt aussehenden Neubauten bewundern. Leicht fühlt man sich ein paar hundert Jahre in die Vergangenheit versetzt.

Fenghuang in der Nacht: Sobald die Sonne untergeht erschallt Partysound aus allen Ecken.

Fenghuang in der Nacht: Sobald die Sonne untergeht erschallt Partysound aus allen Ecken.

Doch sobald die Nacht einsetzt, ist es mit der Ruhe vorbei. Am Fluss verwandelt sich jedes zweite Haus in einen Club. Und weil keines der Etablissements daran denkt, die Türen zu schliessen, hallt der dumpfe Technobeat durch die alten Gassen, umhüllt modisch gekleidete junge Männer oder Frauen in enganliegenden Kleidern. Jemand in meinem Hostel bezeichnete Fenghuang als das Ibiza der Chinesen. Das hat was.

Wer meinen Blog schon länger verfolgt oder mich persönlich kennt, weiss sicherlich, dass ich mir wenig aus solchen Partys mache. Ich habe mich stattdessen entschlossen eine lokale Schule in der Altstadt zu besuchen. Durch ein Tor gelangt man in einem Innenhof, um den herum etwa 30 Klassenzimmer drapiert sind. Es ist gerade Mittagspause und die Kinder tollen auf dem Pausenhof herum.

Auf der Suche nach dem echten Fenghuang

Irgendwann sehen mich die Kinder. „Eine Langnase“, schreit ein Kleiner mit einer deutlich sichtbaren  Zahnlücke und beginnt laut zu lachen. Seine Freunde kichern ebenfalls, bleiben aber in sicherer Entfernung. Nach einer Weile kommt einer der Kleinen rüber und fragt mich auf Englisch, woher ich komme. Um lange Erklärungen zu sparen, was die Schweiz ist, antwortete ich einfach mit „Meiguo“, also Amerika.

Stadtmauer von Fenghuang: Der alte Festigungswall kann man noch heute besuchen.

Stadtmauer von Fenghuang: Der alte Festigungswall kann man noch heute besuchen.

Der Junge kichert und rennt davon, nur nun um nach ein paar Sekunden zurückzukommen. „Mein Freund möchte wissen, wieso ihr damals China geschlagen und gedemütigt habt?“, sagt er. „Bald sind wir stark genug und werfen unsere Bomben auf euch.“ Der Junge war neun Jahre alt. Ich frage mich, was an der Schule unterrichtet wird.

Pro und Contra: Lohnt sich Fenghuang?

Ich habe Fenghuang vor etwa zwei Jahren besucht, kurz bevor sich die Stadtverwaltung entschlossen hatte, einen horrenden Eintrittspreis von 148 Yuan (UPDATE: laut unbestätigten Berichten wurde die Gebühr im April 2016 wieder aufgehoben) zu verlangen. Das empfinde ich als eine krasse Abzocke, so dass ich mich etwas schwertue, Fenghuang heute noch zu empfehlen, zumal  der Tourismus schon damals ziemlich negative Seiten zeigte. Hier also das versprochene Pro und Contra:

Wieso du Fenghuang besser meidest:

  • Fenghuang ist teuer: Chinas Altstädte sind regelmässig überrissen teuer, doch Fenghuangs Stadtverwaltung ist gieriger als jede andere. Dabei ist unklar, wem das viele Geld am Ende überhaupt zu Gute kommt. Von meinem Besuch der Tulou-Rundbauten in Fujian sowie anderen Sehenswürdigkeiten weiss ich, dass das Geld in der Regel irgendwo in der Verwaltung oder den Taschen der Beamten versickert und sich die Einheimischen betrogen fühlen. Das sollte man nicht unterstützen.
  • Fenghuang ist überlaufen: Wohin man auch blickt, überall sieht man einheimische Touristen. Laut Berichten von anderen Bloggern hat sich daran auch seit der Einführung des Eintrittspreises kaum etwas verändert.  Die Folge davon ist, dass sich die Wirtschaft sehr einseitig an den vielen Besuchern orientiert und man ständig von Leuten belästigt wird, die einem etwas andrehen wollen. Das nervt.
  • Fenghuang ist nachts unerträglich laut: Nach Einbruch der Dämmerung verwandelt sich die Stadt in ein Partyparadies mit betrunkenen Jugendlichen in den Gassen und allem, was man nicht unbedingt mag. Mich störte insbesondere die extrem laute Musik.
  • Fenghuang wirkt wie ein buntes Disneyland: Die Stadt ist nachts bunt ausgeleuchtet. Der eine oder andere mag das schön finden. Ich fand hingegen, dass der Leucht- und Blinkkitsch die historische Stadt entwürdigt.
  • Fenghuang ist nicht auf internationale Touristen eingestellt: Das Ticket erlaubt den Besuch von zehn Sehenswürdigkeiten in der Stadt. Wie ich jedoch bei einem anderen Blogger gelesen habe, ist es ohne Chinesisch-Kenntnisse kaum möglich herauszufinden, wo diese Sehenswürdigkeiten sind. (Es gibt offenbar keine Karte, wo sie eingezeichnet sind.) Findet man sie trotzdem, stellt man fest, dass die Exponate nur auf Chinesisch angeschrieben sind.
Flaches Gesicht: Getrocknete Schweinsköpfe sind eine lokale Spezialität.

Flaches Gesicht: Getrocknete Schweinsköpfe sind eine lokale Spezialität.

Wieso sich ein Besuch von Fenghuang trotzdem lohnt:

  • Fenghuang ist wunderschön: Bei all den negativen Folgen des Tourismus darf man nicht vergessen, dass die Besucher die Stadt aus einem guten Grund besuchen (darüber habe ich hier geschrieben). Tatsächlich verfügt Fenghuang über eine der schönsten Altstädte, die China zu bieten hat. Nicht ohne Grund gilt Fenghuang auch bei internationalen Reiseführern (dort oft als Phoenix-Town bezeichnet) als ein Must-See.
  • Fenghuang ist günstig: Hast du erst einmal den überrissenen Eintrittspreis bezahlt, kannst du noch immer relativ günstige Unterkünfte im Ort finden – was vermutlich daran liegt, dass die Altstadt praktisch nur noch aus Bars, Souvenirläden und Hotels besteht. Die Stadt eignet sich deswegen auch hervorragend, um den Preis von Souvenirs runterzuhandeln. Der Laden gegenüber bietet nämlich jeweils genau das Gleiche an.
  • Fenghuang hat ruhige Ecken: Das Zentrum ist laut, unbändig und überlaufen. Aber das Schöne am chinesischen Tourismus ist, dass sich die Reisenden nur ungern von den Trampelpfaden wegbewegen. Das heisst für dich: Du brauchst nur um zwei Ecken zu biegen und schon hast du eine Gasse für dich allein.

Fazit

Lohnt sich ein Besuch von Fenghuang (Phoenix-Town)? Die Antwort ist für mich nicht ganz so klar: Ich habe den Besuch nicht bereut, da der Ort wirklich sehr schön ist und die Touristenabzocke in Fenghuang zwar wohl chinaweit am krassesten, aber mittlerweile leider fast überall zu finden ist. Noch einmal hinfahren würde ich trotzdem nicht.

Anders formuliert: Fast du nur zwei Wochen Zeit auf deiner Chinareise hast und Fenghuang auf deiner Route liegt, würde ich dir empfehlen, den Ort zu besuchen. Wenn du aber die Chance hast, andere Minderheitendörfer anzusteuern, lohnt sich meiner Meinung nach der Besuch nicht unbedingt, da die negativen Aspekte doch sehr dominant sind.

(Bitte scrolle weiter nach unten zu den praktischen Tipps)

Aus den Flusskrevetten, welche diese Frau fängt, entsteht in Fenghuang ein salziger Snack.

Aus den Flusskrevetten, welche diese Frau fängt, entsteht in Fenghuang ein salziger Snack.

Praktische Tipps

  • Anreise: Fenghuang befindet sich im Südwesten der Provinz Hunan. Das Städtchen hat keinen eigenen Bahnhof (Huaihua wäre der nächste, sieht auch: Tipps zum Bahnfahren in China), so dass du mit dem Bus anreisen musst. Positiv ist, dass die Busse sehr viele Ziele in der „näheren“ Umgebung anfahren wie zum Beispiel Zhangjiajie oder die Provinzhauptstadt Changsha. Zudem gibt es auch einige Langstreckenbusse.
  • Übernachtung: Ein besonderes Erlebnis ist, in einem Hotel mit direktem Blick auf den Tuo-Fluss zu übernachten. Die sind allerdings naturgemäss etwas teurer. Ich schlief im Old Town Youth Hostel, das etwas ruhiger und daher sehr zu empfehlen ist. Solltest du Fenghuang nicht während eines Wochenendes und während der Hauptreisesaison besuchen wollen, sind Reservationen nicht unbedingt erforderlich.
  • Touristische Ziele: Ich war zwei volle Tage im Ort und besuchte die unterschiedlichen Gassen, spazierte auf der Stadtmauer und unternahm eine Bootsfahrt auf dem Fluss. Offenbar gibt es auch einige Museen, die ich allerdings ausliess.
  • Kommunikation: Ich empfand die Kommunikation als nicht besonders schwierig. In den Hostels spricht eigentlich immer jemand recht gut Englisch und falls nicht, findest du in jedem Fall unter den vielen jungen chinesischen Touristen jemand, der dir helfen kann. Die meisten Restaurants haben Speisekarten mit Bildern. Falls du dir trotzdem nicht sicher bist, solltest du dir hier meine Tipps für Reisende anschauen, die kein Chinesisch sprechen.
  • Weitere lohnenswerte Ziele: Fenghuang liegt auf der beliebten Travellerroute von Zhangjiajie nach Guilin. Nebst der wilden Bergwelt von Zhangjiajie, kannst du auch das (ebenfalls überteurte) Miao-Dorf Dehang besuchen. Besonders gut gefiel mir Hongjiang, das ich als etwas authentischer erlebte. In der Nähe liegt auch Hibiscus-Town (Furong Zhen), das offenbar aus Marketinggründen nach einem erfolgreichen Film genannt wurde. Selber habe ich Furong nicht besucht, aber auf Bildern ist das Städtchen sehr hübsch.

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1 Kommentar

  1. Hm… das ist ja nicht schön dass Touristen in China fast überall krass abgezockt werden. Also bei Nacht überall von lauter Musik beschallt zu werden das wäre für mich nix.

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